DOI: 10.1026/0942-5403/a000535 ISSN: 0942-5403

Warum Kinder und Jugendliche suizidale Gedanken zu Beginn einer ambulanten Psychotherapie (nicht) offenlegen

Sören Friedrich, Cara Luisa Wicher, Tina In-Albon, Silvia Schneider, Aleksandra Kaurin

Zusammenfassung: Theoretischer Hintergrund: Die Offenlegung suizidaler Erlebens- und Verhaltensweisen (SEV) stellt einen zentralen Zugangspunkt für Prävention und Behandlung bei Kindern und Jugendlichen dar. Trotz der hohen klinischen Relevanz berichten nicht alle Betroffenen ihre SEV – selbst im Rahmen ambulanter Psychotherapie. Während internationale Studien bereits auf vielfältige Offenlegungsbarrieren hinweisen, ist unklar, inwieweit diese Befunde auf den deutschen Versorgungskontext übertragbar sind. Fragestellung: Ziel dieser explorativen Studie war es, Faktoren zu untersuchen, die die Offenlegung von SEV bei Kindern und Jugendlichen in ambulant psychotherapeutischer Behandlung in Deutschland begünstigen oder hemmen. Methode: Zwischen Oktober 2021 und Dezember 2023 wurden n = 183 Kinder und Jugendliche im Alter von 9 bis 20 Jahren ( M = 15,6 Jahre) im Rahmen der Eingangsdiagnostik einer universitären Hochschulambulanz befragt. Mithilfe eines neu entwickelten, altersgerechten Selbstberichtsfragebogens wurden SEV, Offenlegungsverhalten, Gründe für bzw. gegen die Offenlegung sowie relevante psychosoziale Faktoren erhoben. Deskriptive Analysen und Gruppenvergleiche dienten der hypothesengenerierenden Auswertung. Ergebnisse: Zwei Drittel der Stichprobe berichteten lebenszeitliches SEV. Die Mehrheit (66,1 %) der Betroffenen hatte ihr SEV sowohl gegenüber Psychotherapeut_innen als auch gegenüber Personen aus dem sozialen Umfeld offengelegt. Zentrale Gründe für die Offenlegung waren ein gutes therapeutisches Verhältnis und der Wunsch nach Unterstützung. Häufige Barrieren umfassten die Sorge, andere zu belasten, Angst vor Bewertung sowie Befürchtungen hinsichtlich elterlicher Einbindung. Auch bei direkter Nachfrage durch Therapeut_innen wurde bestehendes SEV nicht durchgängig offengelegt. Diskussion und Schlussfolgerung: Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung vertrauensvoller therapeutischer Beziehungen und transparenter Kommunikation über Vertraulichkeit. Ein differenziertes Verständnis von Offenlegungsprozessen kann dazu beitragen, ambulante psychotherapeutische Settings gezielt so zu gestalten, dass sie die Offenlegung erleichtern und die Versorgung suizidaler Kinder und Jugendlicher verbessern.

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