Religion/Religiosität und Suizidalität
Christian ZwingmannZusammenfassung
Der Beitrag gibt einen narrativen Überblick über die Phasen empirischer Forschung und über Erklärungsansätze zum Zusammenhang von Religion/Religiosität und Suizidalität. Ausgehend vom klassischen Werk Le Suicide von Durkheim wurde der Themenbereich jahrzehntelang vornehmlich in der Soziologie auf Grundlage aggregierter Daten empirisch analysiert. Individuelle Daten wurden erst seit den 1990er-Jahren herangezogen, wobei zunächst die Suizidakzeptanz, also die Einstellung zum Suizid, in den Blick genommen wurde. Seit dem Jahr 2000 nehmen dann Studien auf Grundlage individueller Daten zu Suizidversuchen und -gedanken, aber auch zu vollendetem Suizid stark zu. Ungeachtet der jeweiligen Datengrundlage unterstützt die Mehrzahl der vorliegenden empirischen Ergebnisse die Schlussfolgerung, dass es einen protektiven Effekt von Religion/Religiosität hinsichtlich Suizidalität gibt. Theoretische Ansätze aus der Soziologie zur Erklärung dieses Zusammenhangs umfassen Durkheims Integrationstheorie sowie deren Weiterentwicklungen, nämlich die Netzwerk-Theorie und die Commitment-Theorie. Der Ansatz des religiösen Copings kann als wichtige Ergänzung dieser Erklärungen gelten.