DOI: 10.1515/ifdck-2025-0030 ISSN: 2747-7495

Literaturrezeption als Vergewisserung eigener kultureller Zugehörigkeit und Affirmation von Fremdkultur in der Zeitung Deutscher Ostasien-Bote

Mingjun Lu, Shengnan Guo, Ingo Köster

Zusammenfassung

Der Artikel untersucht die Funktion literarischer Rezeption als Vergewisserung kultureller Zugehörigkeit und als Affirmation von Fremdkultur in der von Paul Kettner herausgegebenen Zeitung Deutscher Ostasien-Bote , die zwischen 1922 und 1931 in China erschien. Grundlage der Analyse sind ausgewählte literarische Beiträge, die die Darstellung zentraler historischer und kultureller Figuren fokussieren, insbesondere Martin Luther, Johann Wolfgang von Goethe, Otto von Bismarck sowie Konfuzius und Li Bai. Die Untersuchung versteht diese Darstellungen nicht als isolierte kulturelle Bezugnahmen, sondern als Teil einer diskursiven Strategie, durch die nationale Zugehörigkeit und kulturelle Identität verhandelt werden. Literarische Rezeption erscheint dabei als vermittelnde Praxis, die sowohl die Vergewisserung deutscher kultureller Zugehörigkeit als auch die affirmative Einbindung ausgewählter fremdkultureller Werke und Traditionen ermöglicht. Vor dem Hintergrund der politischen und kulturellen Spannungen der Weimarer Republik plädiert die Zeitung für einen moderaten Patriotismus, der sich auf die Geschichte und kulturelle Leistungen Deutschlands stützt und zugleich internationale Verständigung zwischen gleichberechtigten Nationen befürwortet. Geleitet von bildungsbürgerlichen Wertvorstellungen übt der Deutsche Ostasien-Bote eine Kritik an rein materialistischen und technizistischen Fortschrittsmodellen. Durch die Analyse der Wechselwirkung von literarischer Rezeption, kultureller Selbstvergewisserung und Fremdkulturaffirmation werden die ideologischen und kulturellen Zielsetzungen dieser Zeitung analysiert.