DOI: 10.1515/pwp-2026-0027 ISSN: 1465-6493

Homo experiens

Ulrike Malmendier

Zusammenfassung

In ihrer Thünen-Vorlesung auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik 2025 gab Ulrike Malmendier einen Überblick über die neuen Ansätze in der Verhaltensökonomik. Im Fokus der hier in deutscher Sprache dokumentierten Vorlesung stehen erfahrungsbedingte Prägungen (Experience effects). Bisherige verhaltensökonomische Ansätze unterstellen, ebenso wie traditionelle Modelle, dass Menschen ihr Leben lang demselben Muster der Erwartungsbildung und Entscheidungsfindung folgen. In Wirklichkeit prägen Lebenserfahrungen kognitive Prozesse nachhaltig. Die Berücksichtigung von Erfahrungseffekten verbessert und verfeinert die empirischen Vorhersagen in vielen Anwendungsbereichen, einschließlich Inflationserwartungen, Kapitalmarktinvestitionen, Grunderwerb und Konsumverhalten. Dieser neue Ansatz bietet daher die Grundlage für wirksamere wirtschaftspolitische Maßnahmen. Ein Beispiel ist die in Deutschland initiierte Frühstart-Rente, die auf Grundlage der Forschung zu Erfahrungseffekten konzipiert ist und die Möglichkeit eröffnet, erfahrungsbasiertes Lernen im Kapitalmarktbereich zu nutzen. Umgekehrt kann man adversen Erfahrungseffekten wirksamer gegensteuern, je besser verstanden wird, wie sich negative Erlebnisse festsetzen. Dazu wurde im Herbst 2025 eine Umfrage mit 820 Befragten durchgeführt, die die biologischen Grundlagen adverser Erfahrungseffekte zeigt. Befragte erinnern sich besonders an diejenigen Phasen hoher Inflation oder einbrechender Aktienkurse, die für sie persönlich mit hohem Stress und negativen Emotionen verbunden waren. Zudem wird in prägenden Episoden oft ein Narrativ geformt, das anschließend verallgemeinert und zum Erklärungsmodell für Inflation oder Aktienmarktbewegungen herangezogen wird. Ein besseres Verständnis der Bestimmungsfaktoren von Erfahrungseffekten ermöglicht es, wirtschaftspolitische Maßnahmen effektiver zur Vermeidung von Narbeneffekten zu gestalten.

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