Einleitung: Jenseits von Konfession? Neue Formen der Grenzziehung zwischen Polarisierung und Diversifizierung
Ariane Kovac, Anna NeumaierAbstract deutsch
In verschiedenen religiösen Traditionen verlieren bisher relevante, historisch gewachsene Unterscheidungskategorien – wie konfessionelle und denominationale Zugehörigkeiten – an Bedeutung. Ausgehend von der Annahme einer gesellschaftlichen „Polarisierung“ wurde vielfach untersucht, inwiefern sich religiöse Menschen anhand gesellschaftspolitischer Positionen oder wertbezogener Standpunkte neuen Kategorien zuordnen und Allianzen schaffen, die intrareligiöse Grenzen überschreiten. Grenzen und Unterscheidungskriterien sind jedoch kontextabhängig und scheinen sich gegenwärtig zunehmend zu diversifizieren. Die Grenzen, die Akteure im religiösen Feld ziehen, sind nicht notwendig deckungsgleich mit einer Dichotomie eines liberalen und eines konservativen Lagers, und selbst wenn, werden derartige Positionen unterschiedlich gefüllt und Grenzen individuell ausgehandelt.
Das Themenheft versammelt empirische Beobachtungen gegenwärtiger religiöser Binnendifferenzierungen und untersucht, mit welchen analytischen Konzepten und methodischen Herangehensweisen sich diese adäquat greifen lassen. Die vorliegende Einleitung führt als eine Zusammenschau und Kondensierung dieser Beiträge zunächst mit einigen empirischen Diagnosen ins Thema ein, stellt zweitens Konzepte und Forschungsstände der bisherigen Forschungsdebatten vor, auf denen das Heft aufbaut, und bündelt drittens zentrale Befunde der Beiträge.