Alte Zeiten, neue Ökonomien. Zur Erneuerung der vormodernen Wirtschaftsgeschichte
Julia Bruch, Ulla Kypta, Tanja SkambraksZusammenfassung
Seit ungefähr zwanzig Jahren wird darüber diskutiert, wie die Geschichtswissenschaft wirtschaftshistorische Fragestellungen wieder aufgreifen kann, ohne die modelltheoretischen und methodischen Beschränkungen der Ökonomie zu übernehmen. Die vormoderne Wirtschaftsgeschichte spielte dabei als Ideengeberin eine wichtige Rolle. Der Artikel bilanziert und illustriert, welche Neuausrichtungen sich im Laufe der Debatte etabliert haben. Drei Prämissen der neuen Wirtschaftsgeschichte schlagen die Brücke zwischen älteren ökonomischen und jüngeren kulturhistorischen Ansätzen, nämlich erstens der Fokus auf die Perspektive der Zeitgenossen anstelle teleologischer Perspektiven, zweitens das Bemühen um Abstraktionen und Kategorienbildung und drittens die Offenheit für verschiedene Quellen und methodische Ansätze. Drei kurze Fallstudien aus der spätmittelalterlichen Stadtgeschichte illustrieren, wie die drei Prämissen die Forschungspraxis prägen und welche neuen Erkenntnisse sie ermöglichen. Die Analyse der Vertretungsbeziehungen Antwerpener Kaufleute zeigt bisher unbekannte Motivationslagen: Die Kaufleute sorgten sich weniger darum, von ihrem Handelspartner betrogen zu werden, als darum, gar keinen zu finden. Die Studie über die gesellschaftliche Verankerung der franziskanischen Pfandleihanstalten löst gängige Dichotomien zwischen ökonomischen und karitativen Motivationslagen auf. Die Untersuchung der Vermittlung von Handelswissen bestätigt die etablierte These der Forschung, dass der Handel die städtische Gesellschaft des späten Mittelalters prägte, und demonstriert, dass Frauen dabei eine selbstverständliche Rolle spielten. Die vormoderne Wirtschaftsgeschichte bringt also auch dann Erkenntnisse über gesellschaftliche Zusammenhänge und Veränderungsprozesse, wenn sie nicht primär danach fragt, ob und inwiefern sie die moderne Wirtschaft vorbereitete.