DOI: 10.1111/oli.70070 ISSN: 0105-7510

Abschied vom Exempel? Voltaires „Les deux consolés“ (1756) im intertextuellen Dialog mit der Trostliteratur

Konstanze Baron

Zusammenfassung

Die consolatio als Gattung verschwindet nach derzeitigem Forschungsstand gegen Ende des 17. Jahrhunderts, doch auch im 18. Jahrhundert finden sich Ausläufer dieser bedeutsamen philosophisch‐rhetorischen Tradition. Voltaire widmet dem Trost, mit seiner Kurzerzählung Les deux consolés , noch zur Jahrhundertmitte eine literarische Parodie. Diese wird hier auf ihre Funktionsweise hin untersucht, wobei deutlich wird, dass Voltaire insbesondere die Rolle der Exempla im Trost kritisch verhandelt. Intertextuelle Referenzen auf paradigmatische Trost‐Texte Senecas und Petrarcas dienen der Profilierung seines Umgangs mit den Exempla. Vor diesem gattungsgeschichtlichen Hintergrund kann gezeigt werden, dass Voltaire in „Les deux consolés“ die klassische Struktur des Trosts zwar nach außen hin unangetastet lässt, in seinem Vorgehen aber die Normativität der Beispiele unterminiert. Konkret wird die demütigende Funktion der historischen Exempla und ihr Appell‐Charakter (als Aufruf zur aemulatio ) in Frage gestellt. Im Endeffekt wirft Voltaire dem Trost nicht etwa, wie man vermuten könnte, einen Mangel an Rationalität, sondern vielmehr mangelnde Empathie im Umgang mit dem jeweils individuellen Leid vor. Seine Ridikülisierung des (klassisch‐rhetorischen) Trosts ist im Kontext seiner sensualistischen Überzeugungen zu sehen, auf deren Grundlage sich auch eine alternative, normativ deutlich schwächere Trost‐Konzeption abzeichnet.