DOI: 10.1515/hzhz-2026-0026 ISSN: 2196-680X

Abbild adliger Familien? Genealogische Praktiken, interfamiliäre Dynamiken und das „uradlige Taschenbuch“ um 1900

Hannah Boeddeker

Zusammenfassung

Genealogische Adelsverzeichnisse wie der „Gothaische Hofkalender“ und die „Genealogischen Taschenbücher“ manifestierten auf den ersten Blick auch in der Moderne noch ein traditionelles Ideal eines genuin adligen Familienverständnisses des „ganzen Geschlechts“. Doch der Fokus auf die jährlichen Vorbereitungen der Adligen für ihren Eintrag zeigt dagegen ein differenzierteres Bild vom Verhältnis von Familienmodellen und Genealogie im späten 19. Jahrhundert. Das für die adlige Selbstrepräsentation typische Bild von großen, vermeintlich eng aufeinander bezogenen und harmonisch strukturierten Familienverbänden war de facto das konfliktreich hergestellte Wunschbild, das von einer als Kernfamilie bezeichneten kleinen Gruppe durch gezielte Praktiken erschaffen wurde. Doch konnte gerade das Bemühen, die genealogischen Informationen zusammenzutragen, dazu führen, dass die sozialen Beziehungen zwischen entfernten Familienmitgliedern hergestellt oder gestärkt wurden. Der vorliegende Aufsatz zeigt an ausgewählten Beispielen die innerfamiliären Dynamiken und Konflikte sowie die Verschiebungen sozialer Positionen auf, die sich aus der Suche, Sammlung und Konstruktion genealogischer Informationen 1900 ergaben.